DFG-Forschergruppe
Projekte

Teilprojekt 3
Emanuel Swedenborgs Stellung innerhalb der aufklärerischen
und esoterischen Diskurse des 18. Jahrhunderts

Theologie

 

Friedemann Stengel / Michael Bergunder

 

Emanuel Swedenborg (1688-1772) spielte aufgrund seines umfangreichen Schrifttums und seiner außergewöhnlichen Biographie eine im zeitgenössischen Diskurs bedeutsame Rolle. In den Debatten, an denen er in seinen disparaten Schaffensphasen beteiligt war, zeigt sich exemplarisch die Ambivalenz des 'siècle de lumierès', das in der Forschung häufig mit konfrontativen Begriffspaaren wie Aufklärung/Gegenaufklärung, Pietismus/Orthodoxie, Vernunft/Unvernunft und Aufklärung/Esoterik beschrieben wird.

Swedenborg stand mit seinem naturphilosophischen und theologischen Schaffen mitten in diesen Auseinandersetzungen. In den ersten Jahrzehnten seiner Tätigkeit lagen vor allem naturphilosophische Forschungen und technische Erfindungen in seinem Interesse. Er wirkte als Bergwerksassessor und wurde bereits im Jahr nach ihrer Gründung Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Stockholm. Vor allem mit Forschungen auf dem Gebiet der Mineralogie und mit naturphilosophisch-kosmologischen Arbeiten, die europaweit besprochen und diskutiert worden sind, trat er hervor. In einer zweiten Phase befasste er sich vor allem mit medizinischen Fragen, besonders mit der Hirnforschung und dem zeitgenössisch hochbrisanten Problem des Verhältnisses zwischen Körper und Seele. Mit 56 Jahren hatte Swedenborg eine Christusvision, in deren Folge er seine bisherigen Forschungen abbrach und sich nun nur noch mit theologischen Fragestellungen und einer eigenartigen allegorischen Auslegung verschiedener Bücher der Bibel befasste, die er mit den Visionen seines über 25 Jahre dokumentierten Kontakts mit der "Geisterwelt" verknüpfte. Sein theologisches Lehrsystem fußte auf einem Entwurf, der den Vorstellungen der rationalistischen Philosophie zwischen Leibniz, Wolff und Malebranche nahestand und theologische Positionen enthielt, die mit der für diese Zeit modernen Theologie der Aufklärung verwandt waren. Swedenborgs Behauptung, sein rationalistisches und mit dem Neuplatonismus verwandtes Weltbild seinem Kontakt mit Geistern, den Seelen verstorbener Menschen, zu verdanken, erregte europaweite Aufmerksamkeit.

So verfasste I. Kant 1766 die Swedenborg gewidmete Schrift 'Träume eines Geistersehers' – eine seiner wenigen Schriften, die speziell einem Autor gewidmet war. Zu gleicher Zeit begann der pietistische "Schwabenvater" F.C. Oetinger, Swedenborgs Schriften zu übersetzen, zu kommentieren und in seine eigene, vor allem für die Philosophie des deutschen Idealismus (Schelling) wichtige Theosophie einzuarbeiten. Swedenborgs Werk beschäftigte in den folgenden Jahren Autoren wie Goethe, J.C. Lavater, J.H. Jung-Stilling und verschiedene Aufklärungstheologen wie etwa J.S. Semler. Ab den 1780er Jahren verband sich der nunmehr in England und Schweden institutionelle Swedenborgianismus mit dem "animalischen Magnetismus" F.A. Mesmers.

Es war diese eigentümliche Kombination aus Swedenborg und dem ursprünglich eher materialistischen Mesmerismus, der im 19. Jahrhundert den Spiritismus und Okkultismus hervorbrachte. Swedenborg ist daher als Geburtshelfer der modernen Esoterik anzusehen. Doch hiermit ist nur die eine, gleichsam offen erkennbare Rezeptionsbedeutung Swedenborgs angesprochen. Eine zweite, "unterirdische" Wirkungsgeschichte erreichte er gerade durch die Autoren, die sich einerseits offen von Swedenborgs "Wahn" distanzierten, aber zugleich wichtige Elemente seiner Lehre in ihre Systeme aufnahmen und produktiv modifizierten. Dies ist nicht nur im Hinblick auf Kant und Oetinger festzustellen. Swedenborg, in dessen Werk "Geisterwelt", Aufklärung und christliche Theologie so dicht beeinander lagen, kommt daher eine, gleichwohl ambivalente, Bedeutung bei der Genese "aufgeklärter" und "aufgeklärt"-christlicher Weltkonzepte in den Diskursen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und darüber hinaus zu.

Diese verschiedenen Perspektiven müssen zusammengeführt werden, um Swedenborg diskursiv in seiner Zeit zu verorten und zudem der Frage nachzugehen, ob sich in seiner Person und in der Reaktion seiner Zeitgenossen auf ihn ein Beleg für die These findet, dass die moderne Esoterik ein (Neben-) Produkt der Aufklärung selbst ist.