Teilprojekt 6
Hieroglyphik und Natursprache in der
deutschen und westeuropäischen Aufklärung
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft
Annette Graczyk / Werner Nell
Als rätselhafte Reste eines uralten, unbekannt gewordenen Systems der Wissensspeicherung, das mit seinen historischen Gehalten und Praxisformen verloren zu sein schien, stellten die Hieroglyphen für die europäische Aufklärung eine Herausforderung dar. Im Zusammenhang mit den zeitgleich diskutierten Thesen und Theorien über die Entstehung und Funktion von "Natursprachen" gewann die Erforschung der rätselhaften Zeichen eine anthropologische und zugleich historische und kulturgeschichtliche Dimension. Indem einzelne Forscher über die Untersuchung der ägyptischen Hieroglyphen hinausgingen und kulturanthropologisch die vermeintlich bildhaft-gestischen Uranfänge aller menschlichen Sprachen und Kulturen untersuchten, erweiterten sie das epistemische Feld der Aufklärung, weil sie nun auch nach dem Erfahrungsgehalt und dem Eigensinn vorrationaler Sinnproduktion forschen wollten.
Das im 18. Jahrhundert breit erkennbare Interesse an Hieroglyphik und Natursprache erklärt sich daraus, dass diese beiden Themenfelder sich in dreierlei Hinsicht treffen:
- Zum einen geht es um die Verschränkung der Zeitbezüge von Gegenwart und Urzeit.
- Zum anderen wird die Frage nach der Differenz von Kultur und Natur in den Entwicklungszusammenhängen der Menschheit berührt.
- Zum dritten beginnt damit methodisch ein Streit um spekulative bzw. wissenschaftliche Re-Konstruktion und Sinn-Erschließung von Geschichte. Der Streit berührt das zeitgenössische Verständnis von offener Kommunikation und Geheimnis bzw. Kommunikationslatenz, so dass mit der Untersuchung des Diskurses über die Hieroglyphik auch das Problem der Abgrenzbarkeit von Aufklärung und Esoterik in den Blick tritt.
Da der Hieroglyphik- und Natursprachen-Diskurs die unterschiedlichsten Wissens- und Forschungstraditionen in verschiedenen Ländern involviert und in verschiedenen europäischen Sprachen geführt wird, erfordert seine Erforschung im Panorama des 18. Jahrhunderts eine komparatistische Perspektive. Unsere Untersuchung konzentriert sich dabei auf italienische, englische, französische und deutsche Schlüsseltexte.