DFG-Forschergruppe
Projekte

Teilprojekt 4
Esoterisches Wissen – esoterischer Text.
Johann Georg Hamanns Ästhetik im Bezugsfeld von
Aufklärung, Christentum und Esoterik

Germanistik

 

Andre Rudolph / Manfred Beetz

 

Der Königsberger Publizist und Gelehrte Johann Georg Hamann (1730-1788) wurde bereits von Zeitgenossen als schwärmerischer Mystiker, stilistischer Obskurant und Gegner der philosophischen Leitideen seiner Epoche wahrgenommen. Durch den anspielungsreichen, rätselhaften Gestus und die absichtsvoll inszenierte Esoterik seiner Schriften hat Hamann die Konturen dieser Wahrnehmung selbst vorgezeichnet: Er wollte als 'Esoteriker' erscheinen und wurde als solcher gelesen. Seine Schriften haben seit jeher für Irritationen gesorgt und u.a. das Urteil provoziert, es handle sich um "schwierige", "dunkle" oder "hermetische" Texte.

Wie ist angesichts dieser Vorgaben Hamanns Verhältnis zu den Traditionsbeständen neuzeitlicher Esoterik zu beschreiben? Aus welchen Gründen inszeniert er sich als Esoteriker? Benutzt er lediglich Versatzstücke neuplatonischer, hermetischer, alchemistischer und kabbalistischer Traditionen, um sich für seinen Kampf gegen das Vernunft- und Klarheitsideal seiner Epoche zu munitionieren? Oder hängt er einer Tradition esoterischer Spekulation an, die im 18. Jahrhundert längst diskreditiert war, so daß er als eigentümliche Randfigur erscheinen muß, gleichsam als christlicher Esoteriker in der sonst 'erleuchteten' Epoche der Aufklärung? Wie erklärt sich dann aber die ästhetische Modernität Hamanns, die in den vergangenen Jahrzehnten entdeckt wurde und zu einer anhaltenden 'Hamann-Renaissance' geführt hat?

Die interdisziplinäre Forschergruppe zum Thema "Die Aufklärung im Bezugsfeld neuzeitlicher Esoterik" am I.Z.E.A. in Halle bietet mit ihrer vielseitigen Konturierung des Problemfelds beste Voraussetzungen für die Einlösung eines in der Forschung mehrfach angemahnten Desiderats: der Untersuchung von Hamanns Ästhetik unter umfassender Einbeziehung von Traditionsbeständen frühneuzeitlicher Esoterik. Philosophische Konzepte der Aufklärungsepoche, zeitgenössische Ausprägungen des Christentums und Wissensordnungen esoterischer Systeme sind bei Hamann miteinander verwoben und bilden einen komplizierten, klärungsbedürftigen Zusammenhang. "Esoterisches Wissen" ist in den Schriften Hamanns inflationär präsent und wird auf der Basis der in der gemeinsamen Tätigkeit der Forschergruppe aufgearbeiteten esoterischen Traditionen erstmals umfassend problemgeschichtlich konturiert.

Der Begriff "Esoterik" wird im literaturwissenschaftlichen Teilprojekt der Forschergruppe mit der spezifischen Komponente des "esoterischen Texts" versehen. Mit diesen Vorzeichen untersucht das Projekt Hamanns Schriften, seinen Briefwechsel sowie wichtige Diskussionen und Konstellationen in seinem Umfeld (u.a. Herder, Jacobi und Lavater) und trägt so zum Verständnis des spannungsreichen, im 17. und 18. Jahrhundert sich wandelnden, auf die Moderne vorausweisenden Verhältnisses zwischen Aufklärung, Christentum und Esoterik bei.

 

Link:    Bibliographie der Hamannforschung