DFG-Forschergruppe
Projekte

Teilprojekt 1
Esoterik – Pietismus – Frühaufklärung: Halle um 1700

Geschichte

 

Markus Meumann / Monika Neugebauer-Wölk

 

Ausgangspunkt des Projektes ist die Beobachtung, dass die spezifische Ausprägung der halleschen Frühaufklärung nicht allein von der situativ gegebenen und durch machtpolitische wie auch persönliche Konfliktlagen forcierten Konfrontation mit dem Pietismus motiviert war, sondern insbesondere auch durch die diskursive Auseinandersetzung mit esoterischen Traditionen und Wissensbeständen auf beiden Seiten. Daraus leitet sich die These ab, dass die ungeachtet aller Konflikte von der Forschung zunehmend betonte Affinität zwischen Aufklärung und Pietismus durch die Einbeziehung der esoterikgeschichtlichen Dimension dieses Verhältnisses konkreter bestimmt und genauer verstanden werden kann.

Um 1700 kam es in Halle zu einer einzigartigen, für die intellektuellen und wissenschaftlichen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum in vielfacher Hinsicht prägenden Konstellation: der gleichzeitigen Formierung der halleschen Frühaufklärung an der 1694 eröffneten Universität, vor allem im Umkreis von Christian Thomasius, und der Institutionalisierung des Halleschen Pietismus in den wenig später gegründeten Franckeschen Stiftungen. Im Zentrum der Untersuchungen steht daher einerseits die komplexe Verbindung zwischen neuplatonisch inspirierter Naturphilosophie und Frühaufklärung bei Thomasius, andererseits die Aneignung rosenkreuzerischer und alchemistischer Traditionen des frühen 17. Jahrhunderts in den Einrichtungen des halleschen Waisenhauses. Diese beiden Gravitationszentren waren eingebettet in eine breite Diskussion um die Legitimität und Validität spekulativer Traditionen der Frühen Neuzeit, an denen sich zwischen 1690 und 1720 annähernd die Hälfte der halleschen Professoren mit annähernd 150 Texten beteiligte. Dabei verschränkten sich überregionale Debatten, z.B. um den (Neu-) Platonismus und die Kabbala, mit bereits schwelenden Konflikten innerhalb der Universität Halle wie der Kontroverse um die Hexenverfolgungen an der Juristischen Fakultät oder der sich ab 1699 verschärfenden Gegnerschaft zwischen Christian Thomasius und August Hermann Francke um die Einrichtung des Pädagogiums und die weit reichenden Reformpläne des Halleschen Pietismus.

Methodisch verfährt das Projekt konsequent diskursgeschichtlich, d.h. die halleschen Auseinandersetzungen um 1700 werden nicht als Manifestation von ‚Ideen‘ oder ‚Strömungen‘ verstanden, sondern in ihrem unauflösbaren Zusammenhang mit der konkreten Kommunikationssituation untersucht. Dies geschieht durch die Verbindung einer auf den Anregungen Foucaults aufbauenden Text- und Diskursanalyse mit einer geschichts- und kulturwissenschaftlich orientierten Analyse der Bedingungen der Wissensproduktion. Die Analyse zielt somit darauf, ‚Esoterik‘ nicht einfach als dritte ‚ideengeschichtliche Strömung‘ neben Aufklärung und Pietismus zu verstehen, sondern Texte als agonale Praktiken zu begreifen, mittels derer Deutungskämpfe über die im Aufbrechen befindlichen Ordnungen des Wissens um 1700 ausgetragen wurden – wobei der Diskussion esoterischer Traditionsbestände eine zentrale, in der weiteren Projektarbeit näher zu bestimmende Funktion zukam.