Methodische Orientierungen in der Forschergruppe
Die Untersuchung neuzeitlicher Esoterik seit dem späten 17. Jahrhundert findet disziplinenübergreifend in vielfältig strukturierten Ansätzen statt. So stehen typologische Zugangsweisen neben text- und diskursanalytischen Verfahren sowie kulturwissenschaftlich orientierten Fragestellungen. Dabei beziehen sich diese Ansätze bei aller methodischen Unterschiedlichkeit mehrheitlich auf Antoine Faivres Konzeption von Esoterik als einer in der Renaissance entstehenden und bis in die Moderne reichenden spezifischen "Denkform", die aus verschiedenen Elementen eines 'Esoterischen Corpus' abgeleitet wurde.1 Das Verdienst dieser idealtypischen Esoterik-Konzeption, die zum theoretischen Orientierungsrahmen des Gesamtprojekts gehört, besteht vor allem darin, spekulative und spiritualistische Strömungen, die zuvor meist isoliert betrachtet worden sind, in ihren thematischen und kontextuellen Zusammenhängen fokussiert zu haben, was deren systematische Erforschung überhaupt erst möglich gemacht hat.
Aus der methodischen Pluralisierung der Esoterikforschung in den letzten Jahren entwickelte sich aber auch eine prinzipielle Kritik an Antoine Faivres Ansatz, Esoterikforschung auf einem idealtypischen Esoterikbegriff aufzubauen. Für den Erstantrag spielte diese Debatte noch eine eher untergeordnete Rolle; in der Arbeit der Forschergruppe gewann diese Kritik aber bald an Gewicht. Dabei kamen die entsprechenden Anstöße sowohl aus der gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Positionen der aktuellen Esoterikforschung2 als auch aus der empirischen Arbeit in den Teilprojekten selbst.
Als Ergebnis dieser Auseinandersetzung lassen sich zunächst folgende grundlegende Überlegungen zu Faivres Modell vorbringen: Da dieses idealtypisch verfährt, ist es selbst tendenziell ahistorisch und somit zur Beschreibung und Analyse historischer, d.h. jeweils einzigartiger Phänomene nur bedingt geeignet. Faivre überträgt den modernen Esoterikbegriff auf die Frühe Neuzeit, indem er die Synonymität frühneuzeitlicher Quellenbegriffe mit dem im 19. Jahrhundert entstandenen Esoterikbegriff behauptet, ohne dies näher zu begründen.3 Am konkreten Gegenstand der jeweiligen Einzelprojekte ließen sich insbesondere die von Faivre postulierten invarianten Komponenten der "esoterischen Denkform" nicht oder nur partiell nachweisen. Die Anwendung dieses Esoterikmodells birgt daher die Gefahr, den Blick auf die historischen Rezeptionen, Umformungen und Neueinschreibungen des aus dem Esoterischen Corpus entnommenen Materials zu verstellen.
Doch auch neuere Tendenzen der internationalen Esoterikforschung, die ihrerseits Kritik an Faivres Esoterikbegriff üben, können das benannte Dilemma nicht vermeiden. Obwohl sie ein diskursgeschichtliches Vorgehen einfordern, das durchaus zur Historisierung des Esoterischen beizutragen vermag, halten sie dennoch, in Widerspruch zum postulierten methodischen Ausgangspunkt, gleichzeitig an der ahistorischen Invarianz von Esoterik fest.4 Oder es wird jegliche inhaltsbezogene, den Terminus 'Esoterik' qualifizierende Festlegung zu vermeiden versucht, was beinahe zwangsläufig zur formalen Konstruktion von Esoterik als 'forbidden knowledge' führt,5 ein Begriff, unter dem dann jegliches deviante und dissidente Denken subsumiert wird. Damit ist zugleich von vornherein die Möglichkeit eines integrativen und transformativen Verhältnisses zwischen Aufklärung und Esoterik ausgeschlossen.
Demgegenüber ist die Forschergruppe um eine konsequente Historisierung und Kontextualisierung ihres Gegenstandes bemüht. Dabei schließt sie an Faivres Postulat an, Esoterik in ihren jeweiligen historischen Ausprägungen zu untersuchen und seine eigene konzeptionelle Vorgabe weiter zu entwickeln.6 Dies heißt für die Forschergruppe insbesondere, Esoterik nicht als konstante und konsistente Denkform zu verstehen, sondern als heuristisch anzuwendenden Sammelbegriff aufzufassen, der Strömungen wie Alchemie, Magie, Paracelsismus, Hermetismus, Renaissanceneuplatonismus u.a. in sich zusammenfasst. Auch das Esoterische Corpus ist demnach nicht als Konstante zu begreifen. Vielmehr handelt es sich hierbei grundsätzlich um wandelbare, in einem jeweiligen historischen Kontext je unterschiedlich und neu verhandelte Rezeptionszusammenhänge, die sich auf eine gemeinsame literarische Motivtradition und experimentell-gesellschaftliche Verhaltensweisen beziehen. Indem die Forschergruppe das Augenmerk u.a. auf Rezeption, Gruppen- und Gesellschaftsbezüge, Wissenskonzeptionen, Selbst- und Fremdwahrnehmungen lenkt, fokussiert sie vor allem die historischen Modifikations- und Transformationszusammenhänge.
Die Forschergruppe macht es sich zur Aufgabe, die skizzierten Überlegungen offensiv weiter zu diskutieren und in den Einzelprojekten auf der Basis der geleisteten Kritik methodisch fortzuentwickeln. Im Sinn einer multiperspektivischen Herangehensweise, die am ehesten geeignet erscheint, das angestrebte Ziel einer umfassenden Historisierung zu erreichen, wird neben der diskursgeschichtlichen Methode auch die Möglichkeit, die idealtypische Bestimmung der Esoterik als heuristisches Modell weiterzuentwickeln, wichtiger Bestandteil der Diskussion innerhalb der Forschergruppe bleiben.
| |
1 | Vgl. Faivre, Antoine, Esoterik im Überblick. Geheime Geschichte des abendländischen Denkens, Freiburg im Breisgau 2001. |
2 | Vgl. Neugebauer-Wölk, Monika, Esoterik im 18. Jahrhundert – Aufklärung und Esoterik, in: dies. (Hg.): Aufklärung und Esoterik. Hamburg 1999 (Studien zum achtzehnten Jahrhundert 24), S. 1-37; Hanegraaff, Wouter J., Beyond the Yates Paradigm: The Study of Western Esotericism between Counterculture and New Complexity, in: Aries 1 (2001) Nr. 1, S. 5-37; von Stuckrad, Kocku, Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens. München 2004. |
3 | Faivre 2001, S. 12. |
4 | Vgl. von Stuckrad, Kocku, Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung, in: zeitenblicke 5 (2006) Nr. 1 (http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad/dippArticle.pdf). |
5 | Vgl. Hanegraaff, Wouter J., Forbidden Knowledge: Anti-Esoteric Polemics and Academic Research, in: Aries 5 (2005) Nr. 2, S. 225-254. |
6 | Faivre 2001, S. 10f. |